Essen ist Party

Ja, Essen und Trinken ist die neue Party. Das kann man so lesen – Filter, SZ, Welt. Doch ein jeder denkt bei Party an eine andere Form von Veranstaltung. Bertolli wahrscheinlich an den Ballermann, die meisten Foodblogger an Straßenfeste. Das ist der Versuch einer Einordnung des #Dishstorm, den die Marke Bertolli ausgelöst hat.

Unser Verständnis von Essen, Trinken und Genuss hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt.
Essen und Trinken ist stark an Emotionen geknüpft, ein Grundbedürfnis ist es schon lange nicht mehr. Die Do-it-yourself Welle setzt Trends wie Winter-BBQ, Fermentation, Nose-to-tail oder Craft Beer. Und wer sich nicht selbst versucht, der geht in Markthallen, Street Food Feste oder Biermessen. Dazu ein schönes Interview mit Kochbuchautor und Blogger Stevan Paul.

Und Essen ist mehr denn je politisch geworden. Die Leute gehen für die Versorgungskette auf die Straße, schließen sich zu solidarischer Landwirtschaft zusammen oder tanzen in der Schnippeldisko.

Vor dem Hintergrund dieser emotionalen Aufladung – und wir reden noch nicht einmal über Foodporn, #yummy, #foodie und Essen auf Instagram – bekommen die klassischen Foodmagazine Schnappatmung. Themen wechseln, die Auflage schwächelt und neue Magazine drängen in die kleinsten Nischen. Es hat eine Demokratisierung der Themen stattgefunden, die weit über lokale Grenzen hinausgeht.

2008 habe ich mein erstes Kochevent für einen Kunden aus der Butterschmalzbranche veranstaltet. Geladen waren Journalisten und Foodblogger, die sich nicht kannten und schwer miteinander auskommen konnten. Und es war auch lange danach noch Usus Blogger und Journalisten separat einzuladen.

Nun haben sich die Zeiten auch bei Foodbloggern ein wenig geändert. Es existiert weiterhin keine homogene Szene, aber dafür eine sehr viel professionellere. Foodblogger bieten Tipps zu Marketing an, erstellen Events, gehen auf Pressereisen, schreiben Kochbücher, verlosen Produkte, und  so weiter … Foodblogger sind die neuen Pferdestärken der Agenturkommunikation. Selbst klassische Lifestyle- und Fashion-YouTube Stars backen und rühren mittlerweile mehr oder weniger gekonnt.

Foodbloggen ist aber weiterhin ein großes Straßenfest. Es gibt die unterschiedlichsten Stände, Interessen, man tauscht sich aus oder mag sich nicht, man feiert gemeinsam auf der IFA oder Living Kitchen und bekommt seine Arbeit bezahlt oder ist werbefrei. Die Arbeit von Bertolli ist aber der Ballermann. Professionelle Pusher müssen hungrige Konsumenten zu Clicktrates aufgelistet in Exceltabellen treiben. Professionell, distanziert, nach Schema F. Das kann nicht gut gehen. Das harmoniert nicht mit dem neuen Selbstverständnis der Szene.

Wobei ich den Kommentar von Thomas Knüwer zum Nutzen des #Dishstorms für wenig differenziert halte:
Und in denen der Besserverdiener geht es eben etwas ruhiger zu. Erst recht, wenn der Fehltrittige ein potenzieller Kooperationspartner ist – so wie Bertolli, eine Tochter von Unilever. Sprich: Hätte es sich hier um ein Unternehmen abseits des Food-Bereichs gehandelt, wäre die Sache vielleicht anders verlaufen.

Ein Shitstorm als Anbiederung an ein Unternehmen? Interessante These. Problematisch. Eine Option für gemeinsame Aktivitäten und ein Gespräch? Ja. Die Agenturen rotieren sicher schon vor Ideen! Ein Blogger-Workshop muss her. Oder ein Blick hinter Kulissen, bezahlte Koopertionen, ein Kochbuch mit allem geposteten Rezepten, eine integrale Bertolli #Dishstorm Kampagne, oder ein Pesto-Pop-Up-Store! Ach, so viele Optionen. Oder einfach die Klappe halten und so weiter machen.

Die Geschichte mit dem #Dishstorm ist ein Lehrbeispiel, wie man à la Ballermann die Kunden in seine Disco treibt und ein Gefühlspesto auslöst. Und gleichzeitig ein Rezept wie man es anders machen kann. Spannend ist, dass es kein Shitstorm ist, bei dem man seinem Unmut freien Lauf lässt, sondern es sich um einen positiven Aktivismus mit der nötigen Brise Schärfe handelt. Freut mich, dass eine positive Bewegung köchelt!

Anarchie