Immer den Blick nach (West)korn.

Im Telefonat mit Matthias hatte ich noch angemerkt, dass ich voller Begeisterung für alle Gründer bin, die sich von der Masse absetzen und sich verselbstständigen. Und dazu zählen Matthias Heger (34 Jahre) und Deniz Günal (31 Jahre), die sich mit WESTKORN auf den eigenen Weg gemacht haben.

Westkorn

Jetzt ist Korn kein Getränk, das sich in Deutschland mangelnder Beliebtheit erfreut – auch wenn sich die Statistiken nicht über den Pro Kopf Verbrauch nicht einig sind, Korn ist ein Lieblingsgetränk der Deutschen.

‚Die 50- bis 64-jährigen Spirituosenkonsumenten tranken überwiegend die traditionellen Spirituosengattungen wie: Magenbitter, Kräuterlikör, Deutscher Weinbrand, Korn, Aperitif, Cognac, andere Liköre, Obstbrand, Fruchtlikör, Aquavit und Spanischer Brandy.‘ schreibt der Bundesverband der Deutschen Spirituosenindustrie und Importeure e.V. in einem seiner Berichte in 2010. Das Produkt Korn kennt in Deutschland also die breite, ältere Masse, wird aber kaum noch mit Qualität oder Trinkkultur in Zusammenhang gebracht. An dieser Herausforderung arbeiten Matthias und Deniz – anscheinend gerade zur richtigen Zeit, wenn sogar die Barzeitschrift www.mixology.eu bei ihrem lokalen Barwettbewerb eine eigene Kategorie für Vodka und Korn einrichtet – und ich hatte die Möglichkeit den beiden ein paar Fragen zu ihren Anfängen und ihrer Eis-Kupfer-Filtration zu stellen. Und dabei spielt nicht nur der Pur-Genuss eine Rolle.

Wer steckt eigentlich hinter diesem Produkt? Handelt es sich um ein Produkt der Neuerburg Brennerei oder ist Westkorn ein eigeneständiges Start-Up? Woher stammt die Idee das Produkt Korn zu entstauben? Immerhin wählt ihr noch den Vergleich zu Vodka auf der Homepage.

WESTKORN ist eine Idee von Deniz Günal und Matthias Heger. Uns beiden gehört die Marke WESTKORN. Die Brennerei Neuerburg ist unser enger Partner und Auftragsbrenner, mit der wir das Getränk in enger Abstimmung über fast zwei Jahre entwickelt haben.

Team WESTKORN

Deniz und ich sind seit mehr als zehn Jahren befreundet und haben in Köln zusammen studiert. Nach dem Studium ging ich zu einer Beratungsgesellschaft nach München für mein erstes Projekt im strategischen Einkauf bei einem Spirituosenhersteller. Dort stellte ich fest, dass für günstigen Wodka qualitativ minderwertigere Rohstoffe verwendet werden als der hauseigene Korn. Auf Nachfrage bei Mitarbeitern erfuhr ich auch, dass die russischen Kollegen lieber Korn als Wodka tranken. Das war der Zeitpunkt, als ich realisierte, dass Korn eigentlich ein hochwertiger Wodka ist, der nur nicht filtriert wird. Anders als bei Wodka, der oft aus Zuckermelasse, einem Abfallprodukt der Zuckerindustrie hergestellt wird, kann man sich bei Korn aufgrund der gesetzlichen Vorschriften sicher sein, dass er nur aus dem vollen Getreide in Deutschland gebrannt wird.

Deniz selbst ist Liebhaber guten Essens und hochwertiger Getränke und erkannte ebenfalls die Qualität deutschen Korns. Zu diesem Zeitpunkt wohnten Deniz und ich in Köln in einer WG und experimentierten mit Korn-Cocktails. Leider hatte unser Lieblingsdrink, Moscow Mule (nun auch auf dem Rückenetikett von WESTKORN), bei der Mischung mit Korn jedoch immer unerwünschte Geschmacksnoten. Also machten wir uns daran, verschiedene Filtrierungsmethoden in der heimischen Küche auszuprobieren, vom Aktivkohlefilter bis hin zur Milchfiltration, und entschieden uns schließlich, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Wir beschlossen nichts Geringeres als den Korn neu zu erfinden und in Deutschland wieder salonfähig zu machen. Konkret wollten wir die unerwünschten Geschmacksstoffe entfernen, um einen ‚Spitzenwodka‘ herzustellen. Durch modernes Design und Verpackung wollten wir eine dem Korn bislang noch verschlossene Zielgruppe erreichen. Wir wollten das Produkt Korn auf den Kopf stellen. Dies konnte aber nur gelingen, wenn wir auch geschmacklich an die Spitzenwodkas dieser Welt herankommen oder diese übertreffen.

Da Deniz und ich zu diesem Zeitpunkt feste Jobs und zwar viel Erfahrung im Alkohol trinken, aber nicht im herstellen hatten, begaben wir uns ganz pragmatisch auf die Suche nach Kornbrennern im Kölner Umland, mit denen wir zusammenarbeiten könnten. Viele produzierten gar nicht mehr oder nur noch Kleinstmengen. In Gesprächen mit den Eigentümern hörten wir viel Klagen über den schlechten Absatz und das Desinteresse an Korn vor allem bei jüngeren Leuten. Diese Gespräche waren für uns sehr wichtig, denn wir realisierten, dass Korn in den letzten 20 Jahren einen schweren Imageschaden erlitten hat, nicht zuletzt ausgelöst durch die ersten schlechten Erfahrungen unserer Generation mit Apfelkorn oder Saurer Apfel. Korn war besetzt mit Piefigkeit, Eckkneipentrinken, Herrengedeck, Pennergesöff, etc.

Es war unser großes Glück, nach zahlreichen Gesprächen Klaus Herrmann getroffen zu haben. Herr Herrmann betreibt zusammen mit Frau Neuerburg die Brennerei Neuerburg in Rockeskyll in der Vulkaneifel. In einem ersten Gespräch mit ihm stellten wir fest, dass er ein Mensch war, der Herausforderungen liebt, ein echter Unternehmer mit einem Hang zu gutem Essen und vollendeten Spirituosen. Klaus Herrmann brennt Korn, aber bekannt ist er eigentlich für seine hervorragenden Obstbrände, die er unter anderem an Sternerestaurants der Region verkauft (etwa Schloss Bensberg bei Köln, 3 Michelin-Sterne). Als wir ihm von unserer Idee erzählten, Korn zu veredeln, so dass er unter anderem in Cocktails anstatt von Wodka eingesetzt werden kann, und durch gutes Design einer neuen Zielgruppe attraktiv zu machen, war er begeistert.

Klaus Herrmann entwickelte sodann in den darauffolgenden zwei Jahren den Doppelkorn WESTKORN mit einer idealen Trinkstärke von 38,8%. Zeitgleich entwickelten Deniz und ich die Marke. Das heißt, wir kümmerten uns um das Design, Packaging und den Webauftritt von WESTKORN. Wir beschlossen, ganz bewusst in den Hintergrund zu treten, da Klaus Herrmann das Produkt entwickelt hat und seine Geschichte so viel Charme hat. Tatsächlich stammt Klaus Herrmann nämlich aus einer alten Kölner Familie, die von jeher Brennanlagen gebaut hat. Nach einer erfolgreichen Karriere als Lebensmittelchemiker und Unternehmer beschloss er, sich seiner Leidenschaft – dem Brennen – zu widmen und kaufte einen Teil der Brennerei Neuerburg in der Vulkaneifel, ohne zu wissen, dass die historischen Brennapparate aus der Manufaktur seines Großvaters stammten.

Deniz und ich waren jedoch sehr eng in die Entwicklung von WESTKORN mit eingebunden. Wir haben zusammen mit Klaus Herrmann die wichtigen Entscheidungen getroffen, wie aus welchem Getreide wir brennen und welche Art von Filtration wir verwenden. Nur an einer Entscheidung waren wir nicht beteiligt, und das war die Entscheidung über das Wasser, welches wir für WESTKORN verwenden. Neben der Filtration ist das Geheimnis von WESTKORN nämlich das durch Vulkangestein gereinigte Quellwasser aus der hauseigenen Quelle der Brennerei Neuerburg.

Welche Chancen hat Korn – auch international gesehen?

Der Markt für Korn in Deutschland ist sehr groß. Korn ist die am meisten getrunkene Spirituose in Deutschland. Nur leider wird Korn einseitig vermarktet. Das ist die Marktnische, an der WESTKORN ansetzt. Wir wollen Korn für das urbane Publikum in Deutschland attraktiv machen, sowohl pur, als auch als Basis für hochwertige Cocktails. Wir bauen zudem WESTKORN von Anfang an als internationale Marke auf. Dies hängt vor allem mit Deniz‘ und meinem persönlichem Hintergrund zusammen. Wir haben beide sehr viel Zeit in Asien verbracht. Deniz hat Japanologie studiert und hat lange in Japan gelebt. Ich habe Sinologie studiert und arbeite und lebe derzeit in Peking. Von daher war es die natürliche Wahl, WESTKORN in kleinen Mengen mittelfristig auch in die asiatischen Märkte zu bringen. Die Zielkunden hier sind vor allem Bars, die außergewöhnliche internationale Spirituosen anbieten wollen.

Euer Packaging und Gesamtauftritt fällt einem sofort ins Auge. Westkorn passt perfekt in den Trend des handwerklichen Produkts mit einem Retro-Design. Wie seid ihr auf diesen Auftritt gekommen?

Neben dem hochwertigen Destillat ist unser Packaging das Herzstück von WESTKORN. In Zusammenarbeit mit Designern haben Deniz und ich ganze zwei Jahre daran gearbeitet, WESTKORN einen hochwertigen Auftritt zu verpassen. Um unserem Anspruch gerecht zu werden, mussten wir weg vom traditionellen Design der deutschen Kornbrenner, ohne jedoch mit dem Dackel ein wenig ironisierend auf die deutschen Wurzeln zu verweisen.

Produkt Westkorn

Wir haben uns zudem bewusst gegen das kühle Design vieler Wodka-Marken entschieden. Wenn man die Flasche in der Hand hält, bemerkt man sofort die Wertigkeit des Produktes. Das dicke Baumwollpapier des Etiketts, das doppelt bedruckte Rückenetikett, welches den Anschein erweckt, als ob ein Eifelwald in der Flasche schwebt, sowie der Holzgriffkorken lassen optisch und haptisch die Qualität des Produktes erahnen.

Der Produktname Westkorn klingt sehr stark und ‚deutsch‘ in meinen Ohren. Wie seid ihr darauf gekommen? Was ist die Absicht dahinter?

Wir haben uns bewusst dafür entschieden, „Korn“ und nicht Wodka zu produzieren. Um dies zu verstärken, wollten wir unbedingt das Wort „Korn“ im Namen haben. Zudem können nur Produkte „Korn“ heißen, wenn sie auch den Maßgaben einer EU-Verordnung entsprechen, welche die Kornbrandherstellung regelt. Insofern ist „Korn“ im Namen eine Garantie für Qualität. Mit dem Zusatz West wollten wir auf unsere Herkunft aus der Vulkaneifel hinweisen, die ja im Westen Deutschlands gelegen ist. Der deutsche „flavor“ ist im Ausland Garantie für gleichbleibende Qualität und Hochwertigkeit.

Die internationale Ausrichtung eures Produktes deutet schon die zweisprachige Etikettierung sowie eure Homepage an. Welche sind eure Zielmärkte?

Unser Hauptmarkt ist natürlich Deutschland und hier besonders die Region mit Anbindung an die Eifel, also Köln, aber auch Frankfurt. Wir wollen ein lokales Produkt produzieren, vornehmlich für den lokalen Markt. Mittelfristig würde es uns aber Spaß machen, WESTKORN ins Ausland zu bringen und so deutsche Kornkultur zu exportieren. Aufgrund der Qualität von WESTKORN können wir zumindest geschmacklich mit Topwodkas konkurrieren. Unserer Affinität und Nähe zu Asien geschuldet sehen wir uns mittelfristig nicht nur im europäischen Ausland, sondern auch in gut sortierten Bars in China und Japan.

Was sind / waren die größten Hindernisse in der Entwicklung eures Produkts?

Die größte Herausforderung war mit Sicherheit die Veredelung unseres Korns. Das war der Grund, warum wir zwei Jahre gebraucht haben, um WESTKORN zu entwickeln. Wir haben mit vielen unterschiedlichen Verfahren experimentiert. Die bloße Filtration führte leider nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Der Korn büßte seinen Charakter ein. Am Ende haben wir uns für eine aufwendige Kombination aus einer Kupfer-Katalyse und einer Eis-Filtration entschieden. Diese Verfahren erlauben es uns, ungewünschte Geschmacksnoten vollständig zu entfernen, so dass wir am Ende einen Korn erhalten, der an Sanftheit seines Gleichen sucht und dennoch seinen Geschmack bewahrt.

Habt ihr Erfahrungen im Bereich Spirituosen und Markenführung, oder ist dies komplettes Neuland für euch?

Deniz und ich sind große Fans von handgemachten Spirituosen. Wie bereits erwähnt, hatte ich vor vielen Jahren ein strategisches Einkaufsprojekt bei einem Spirituosenhersteller, wo ich auf die Idee mit dem Korn gekommen bin. Ansonsten haben wir in diesem Bereich keine Erfahrung. Das war der Grund, warum wir sehr eng mit Klaus Herrmann zusammenarbeiten.

Welche Produktionsmengen kann ich mir vorstellen?

Eine Charge besteht aus 500 Litern, also 1000 Flaschen. Um den handgemachten Charakter und die Qualität von WESTKORN zu bewahren, werden wir auch zukünftig diese Mengen beibehalten und nur kleine Chargen produzieren. (Zu einem UVP von 27,50 € für die 0,5l Flasche – Anmerkung des Blogs)

Welche Rolle spielen Themen wie Region, Geschmack, Herkunft, Herstellungsverfahren und Zutaten?

Diese Themen spielen für uns eine zentrale Rolle. Wir sind sehr eng mit der Vulkaneifel verbunden. Dies machen wir schon deutlich in der Verwendung des Stiches auf der Innenseite des Rückenetiketts und auf der Homepage. Der Stich stellt eine alte Jagdszene im Eifler Wald dar. Auch Klaus Herrmann ist passionierter Jäger, wenn er gerade nicht WESTKORN brennt. Ohne die natürliche Landschaft der Eifel wäre die Qualität von WESTKORN nicht zu erreichen. Das liegt vornehmlich am Quellwasser aus der privaten Quelle der Brennerei Neuerburg. Um diese Qualität nachhaltig sicherzustellen, spenden wir auch einen Teil der Erlöse unseres Webshops (der bald online geht) an den Förderverein Nationalpark Eifel. Neben dem heimischen Wasser verwenden wir ausschließlich deutschen Weizen der besten Qualität. Alle Materialen werden, wenn möglich lokal beschafft und lokal verarbeitet. Daher sehen wir auch den Großraum Köln als unseren natürlichen Heimatmarkt an.

Wie schaut eure Marketingstrategie aus? Wie vertreibt ihr Westkorn

Wir sind derzeit auf der Suche nach Partnern, die uns beim Vertrieb unterstützen. Unser Ziel ist es, in erstklassigen Bars und Restaurants platziert zu werden. Zudem sprechen wir mit Spezialitätenhändlern und erstklassigen Spirituosenläden. Wir wollen im Marketing auch mit der deutschen Herkunft von WESTKORN werben. In dieser Rolle verbindet WESTKORN all die Widersprüche der modernen deutschen Identität, wie sie auch von uns und unserer Zielgruppe gelebt werden. Gegensatzpaare, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen, sind Tradition und individuelle Freiheit, Qualitätsarbeit und Gemütlichkeit, deutsche Identität und Internationalität, etc. Westkorn verbindet all diese mit einem Augenzwinkern und präsentiert sich als freundlich und gemütlich mit einem Schuss Humor.

Wer ist eure Zielgruppe? Sprecht ihr nur Konsumenten oder auch Barkeeper (Cocktailrezepte) und Händler an?

Unsere Zielgruppe versteht sich als modern, multikulturell, engagiert und aufgeklärt. Sie ist im Job angekommen und kann sich nach Jahren der knappen Kasse als Studenten endlich etwas leisten und hat deshalb kein Problem, für Qualität Geld auszugeben. Unsere Zielgruppe  ist in Job und Privatleben daran gewöhnt, flexibel zu sein und sucht zum Ausgleich nach einem Anker, den sie in Traditionen finden kann. Speziell traditionelle Handwerksmethoden bedeuten Qualität. Unsere Kunden vertreten zunehmend klassisch konservative Werte, ohne sich jedoch als konservativ zu verstehen. Sie verstehen sich als europäisch, haben jedoch zunehmend kein Problem damit, auch eine Identität als Deutsche anzunehmen. Da die europäische Identität noch im Bestehen begriffen und die deutsche Identität immer noch etwas heikel ist, existiert ein gewisser Regionalpatriotismus.

Die Konsumenten sollen natürlich über Händler und Barkeeper erreicht werden. Deshalb sprechen wir derzeit schon mit einzelnen ausgewählten Bars in deutschen Metropolen und Vertriebsagenturen.

Wie schaut dein zeitlicher Aufwand für dein Start-Up aus? Seit wann gibt es euch?

Von der Idee bis heute sind in etwa drei Jahre vergangen. Das erste WESTKORN Design gab es vor zwei Jahren. Der Aufwand war groß, da wir uns stets neben unseren normalen Jobs um alle Einzelheiten von WESTKORN gekümmert haben.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem aus dem Traum Wirklichkeit wird. Wo möchtet ihr in zehn Jahren mit eurem Unternehmen stehen?

Gute Frage. Unser kleiner Traum von der eigenen Spirituosenmarke ist bereits Wirklichkeit geworden. Der mittelgroße Traum wird erfüllt werden, wenn der erste Kunde in einer guten Bar einen White Prussian bestellt (natürlich dann mit WESTKORN). Von China träumen wir, aber das Projekt steht derzeit noch auf einem ganz anderen Blatt. In zehn Jahren wäre ich zufrieden, wenn ich von WESTKORN leben könnte.