London als Beispiel für kulinarische Kreativität? Ein Gespräch mit Florian Siepert.

Englische Küche begleitet mich, seitdem mir meine Gastfamilie mit 14 Jahren die Lasagne vom Vortag auf einer Pizza als Familiengeheimnis servierte. Wohl damals schon eine Art anarchistischer Kreativität. Unzählige schöne und weniger würzige Erlebnisse später, fahre ich noch immer gerne nach England – am häufigsten London – und reibe mir immer verwundert die Augen, was diese Stadt an kulinarischer Kreativität hervorbringt.
Lassen wir mal Jamie Oliver und Heston  Blumenthal zur Seite. Die Konzepte der beiden haben ein Jahrzehnt geprägt und sind noch immer aktuell. Was mich begeistert ist der Enthusiamus am Neuen, der vor keiner Nische oder Straßenecke halt macht. Dies beginnt bei den British Street Food Awards und endet bei den Young British Foodies Awards.  Der Burger Monday von Youngandfoodish zaubert mir ebenso ein Lächeln ins Gesicht wie Torten der Miss. Cakehead (hier auch in einem Arte Beitrag) als Kommunikationstool. Oder als banalstes Beispiel The Rib Man von West Ham United mit seiner Holy Fuck Sauce.
Nicht, dass es in Deutschland keine Kreativität gibt – mir fallen ein Stevan Paul, zahlreiche Pop-Up Restaurants oder die Kitchenguerilla ein. Aber selbst die Bar die es nicht gibt funktioniert auf der Kooperation mit großen Spirituosenmarken. Zu oft bewegen wir uns rein um die Frage, wie krumm eine Gurke sein soll, um anders zu sein, und nicht, wie ich ihre Krummheit zu einem eigenständigen, kulinarischen Ausdrucksmittel machen kann.
Um eine Antwort auf meine Fragen zu bekommen, gibt es fast nur eine Person, der man sie stellen kann. Florian Siepert hat die Event Plattform http://foodtrips.co.uk/ gegründet, geht seit über einem Jahr kulinarisch in London auf und ist einer der umtriebigsten Menschen, die ich kenne.

Fotocredit: Daniela Haug / http://www.flickr.com/photos/88107218@N00/.

Kommt es mir nur so vor, oder ist in der englischen Foodszene viel mehr Verve als die Deutsche (siehe oben genannte Beispiele)?
Ich glaube, dass man schon sehr klar abtrennen muss zwischen London und dem Rest des Landes. Das ländliche England ist mehr oder minder genau so wenig aufregend wie das ländliche Deutschland und die Produzenten, gerade im Süden, leben im Prinzip von der Nachfrage des Londoner Marktes. Wenn man jetzt aber isoliert auf London schaut: Ja, sehr hoher Drive, viel Innovation, viel Entwicklung. Das ist um eine Größenordnung anders als in Deutschland.
Haben die Briten weniger Angst vor Neuem oder haben sie weniger Tradition, die im Wege steht?
Interessanterweise denke ich, dass die Tradition in UK ganz viel hilft. Ich glaube, dass die Flurbereinigung, die hier nicht passiert ist, einen ganz wesentlichen Unterschied macht, was den Zutatenreichtum betrifft. Die Wildvogelsaison ist hier gerade zu Ende gegangen, in deren Verlauf habe ich acht verschiedene Arten auf dem Teller gehabt. Auch Wildkräuter oder Beeren gibt es hier in ganz anderer Vielfalt. Das gibt natürlich auch Köchen andere Möglichkeiten.
Darüber hinaus ist es sicherlich auch der Fakt, dass die britische Esskultur auf eine Art und Weise am Boden lag, wie man es in Westdeutschland nie erlebt habt. Das hat vor zwanzig Jahren zu einer Stunde Null geführt, aus der sich ganz viel der aktuellen Esskultur entwickelt hat. Dieser Argumentation folgend müsste in zehn Jahren Berlin die herausragende Stadt Deutschlands sein und ich vermute, ganz genau so wird es auch kommen.
Wenn ich mir die Young British Foodie Awards anschaue, gibt es kaum eine Kategorie, in der Innovation nicht groß geschrieben wird.
Ich bin grundsätzlich sehr skeptisch, was Awards betrifft, da sind ja oftmals Netzwerke und Drittinteressen im Hintergrund, die das sehr intransparent machen. Aber selbst mit dieser Einschränkung zeigen Observer Food Monthly Awards oder YBF oder BBC Food and Farming Awards natürlich einen herausragenden Querschnitt dessen, was in UK gerade passiert.
Mit dem Essen spielt man nicht – gibt es diesen Spruch auch in England?
Nein. Wir sind hier im Land, in dem man sich für Parties den Buckingham Palace aus Jelly nachbaut.
Kommt diese kulinarische & gastronomische Vielfalt auch bei der breiten Masse an, oder handelt es sich um ein exklusives Phänomen?
Ganz grundsätzlich sollte man natürlich nicht vergessen, dass die Esskultur hier sehr gespalten ist, zwischen herausragend und katastrophal. Der Großteil der Bevölkerung ernährt sich in UK schlechter als in Deutschland und eine Minderheit isst wesentlich besser und vielfältiger. Aber dadurch, dass die Speerspitzen der Bewegung viel Medienzeit für sich reklamieren, wird Esskultur stark proliferiert. Schauen wir uns in zehn Jahren mal an, wohin das so führt.
Wer sind die treibenden Kräfte hinter dieser Bewegung?

Das tut wirklich weh, aber man muss klar sagen, dass die Finanzindustrie mit ihren absurden Gehältern dazu führt, dass mehr und höherwertigere Restaurants und Produzenten eine Marktchance haben. Auch deren sekundäre Serviceindustrien, ich möchte die Anwälte mal herausstellen, pumpen viel disposable income in den Markt. Es wäre schöner, wenn nachhaltigere Sektoren der Gesellschaft das möglich machen würden.

Ansonsten ist es natürlich wichtig, dass Englisch als weltweite Lingua Franca die Hürde für Zuzug niedrig setzt. Wir können hier eine informierte Diskussion über Tonkotsu Ramen, georgischen Käse oder southern fried chicken führen, weil so viele Menschen mit ihren Rezepten und Traditionen in diese Stadt kommen. Es ist sehr hilfreich, dass Teile von Berlin schon stark englischsprachig geprägt sind, das bestärkt mich in meinen Hoffnungen für die Stadt.