Giesinger Bräu – ein Traum von einem Wohnzimmer

Der erste Eindruck der Giesinger Brauerei liegt einige Zeit zurück und war ein Geburtstagsgeschenk meiner Frau: ein Braukurs. Für München ist Bier nichts Neues, aber irgendwie doch. München zählt sechs große Brauereien, das Oktoberfest, zig Biergärten und Starkbiere, aber eine persönliche Herangehensweise auf kleinem, individuellen Nenner ist schwierig.

Damals saß ich auf einer Bierbank in einem gefliesten Raum mit Braukesseln, trinke mein sechstes Bier und langsam gärt es in mir, dass unter- und obergärig, Reinheitsgebot und Bier aus München eine besondere Mischung sind. Nicht dass ich mir gemerkt hätte, wie Bier gemacht wird, aber Bier hat seit diesem Moment vor vier Jahren einen radikalen Wandel in Deutschland vollzogen.

2013 treffe ich Steffen wieder – die Giesinger Brauerei  ist immer noch die gleiche: Öffnungszeiten bis 18:60 Uhr, Giesinger Erhellung und der geflieste Raum.  Und auch wieder nicht: aus zwei Personen sind sieben geworden, davon 3 Azubis, es werden 12 Biersorten über das Jahr hinweg gebraut und der Name klingt weit über Giesing (ein Münchner Stadtviertel) hinaus.

Steffen hat sich 2006 mit seinem damaligen Geschäftspartner verselbstständigt. Mit einer kleinen Brauerei in einer Stadt, die berühmt für ihr Bier, von großen Konzernen angetrieben wird.  Die Großkonzerne haben sich seitdem nicht verändert, die Giesinger Brauerei und Steffen wohl. Aktuell  wird am neuen Brauhaus mit neuen Ales, IPAs, etc. sowie einem eigenen Lokal gearbeitet – ein großer Schritt, an dem sich alle interessierten Biertrinker finanziell beteiligen können.

Welche Aufgabe es bedeutet, sich in München als Brauer selbstständig zu machen, erzählt Steffen aber am besten selbst:

Was war der Hauptantrieb für die Gründung der eigenen Brauerei?

Dem Konsumenten und Bierliebhaber fehlt in der Welthauptstadt des Bieres einfach eine kleine feine Brauerei, fernab der Industrie.

Wann war der Punkt für euren Schritt in die Selbstständigkeit erreicht?

08/2005 mit der Idee.

Was waren die Grundvoraussetzungen für diesen Schritt? Wahnsinn und/oder ein konsequenter Businessplan / Geld / eigene Ideen?

Der Businessplan war geschrieben, aber wenn man für und wider gegenüberstellt, wird man schnell feststellen dass die Bedenkenseite sehr viel mehr ausmacht, als die Befürwortende. Dennoch haben wir einfach angefangen und alles hat sich mit der Zeit ergeben. Wenn man fleißig ist und jedes Problem zu einer Problematik macht und nach einander abarbeitet, dann findet man auch für alles eine Lösung.

Welches Risiko bedeutet das zur damaligen Zeit?

Die Zeit ist jetzt dafür reif und der Konsument legt viel mehr Wert auf ein gutes Lebensmittel, als es noch vor 20 Jahren der Fall war. Unsere Gründung war zeitlich deshalb ganz günstig und unser nächster Schritt dementsprechend logisch. Das Risiko damals betrug 25.000 €. Die Brauerei von heute gab‘s ja vor 7 Jahren auch schon.

Wie lauten eure Ziele? Ist die deutsche / internationale Genusskultur bereit für eure Produkte?

Auf jeden Fall. Unser aktuelles Ziel: Neueröffnung der neuen Anlage mit einer Wirtschaft mit 45 Sitzplätzen Ende des Jahres und 0,75% Biermarktanteil Münchens in zehn Jahren.

Was bedeutet Genuss/ Essen /Trinken für dich? Kann ich ein Bier-Start-Up ohne diese Leidenschaften gründen?

Nein, wir haben viele Braumeister gesehen und kennengelernt, die vor dem Abfüllen noch nicht mal ihr eigenes Bier probiert haben, weil sie kein Bier mögen! Also irgendwo hört‘s ja auf. Bisschen was sollte einem das Lebensmittel schon geben, wenn es man es herstellt. Und eigentlich nicht nur ein bisschen was🙂

Wie schaut die Kommunikation und Distribution eurer Produkte aus? Welche anderen Marketing Maßnahmen werden umgesetzt?

Gute Frage, in diesen Dingen sind wir tatsächlich immer noch in den Anfängen. Bei 90% Hofverkauf momentan stellen sich die Fragen noch nicht. Wenn ich 100 % meiner Produktion verkaufe, warum Marketing? Das wird sich in Zukunft etwas wandeln müssen, aber ich glaube das bekommen wir sicher hin. (Anmerkung: Die Brauerei startete ihren Betrieb mit einem Hoffest mit 400 Gästen. Dies war der Start für die Mundpropaganda.

Welche sind die größten Hindernisse bei der Gründung / in der Zeit danach?

a) Wenn man sein Personal nicht zu 100 % kennt, den Papierkram unterschätzt, denkt man kann mit vier Tagen die Woche alles erledigen und acht Wochen im Jahr in den Urlaub fahren. Dem, meine Lieben, ist nicht so.

b) In der Zeit danach sollte man ab und zu seine Ziele überprüfen und eventuell neu stecken. Die Routine ist ja kein Ziel für immer.

Ist Deutschland ein gutes Land für Unternehmensgründungen?

Wir haben keine anderen Vergleichsmöglichkeiten, aber wir sind hier und passen uns dementsprechend an. Und andere haben es ja auch geschafft. Jammern ist keine Stärke von uns🙂

Habt Ihr mit euren Bierprodukten den Geschmack der Zeit getroffen oder hat es viel Überzeugungsarbeit gekostet?

Unsere Produkte waren alles Selbstläufer und jemanden zu einem Bier zu überreden muss ja nicht sein, der Geschmack sollte überzeugen.

Die zweitgrößte Münchner Privatbrauerei baut auf drei Trägern auf: Geschmack, Qualität und Persönlichkeit. Steffen und Flo suchen aktuell nach Investoren in ihre Idee, die 2,8 Millionen Euro schwer wiegt. Leidenschaft ist ihnen nicht abzusprechen: Steffen lebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung und bezeichnet seine Brauerei als sein Wohnzimmer, in dem er 360 von 365 Tagen im Jahr gearbeitet wird.

P.S.: Hier noch ein Link zu einem aktuellen Beitrag mit Steffen und dem aktuellen Brauhausprojekt http://www.fuer-gruender.de/blog/2013/02/gruenderstory-marx-giesinger-braeu/ sowie ein Beitrag über die Arbeiten an der neuen Brauerei http://www.merkur-online.de/lokales/muenchen/stadt-muenchen/brauerei-zieht-wird-neue-giesinger-braeu-2654520.html.