2013 mit Messer und Gabeln

Ich habe 2012 wohl 1.200 Mahlzeiten zu mir genommen sowie ca. 2.000 Kaffee konsumiert. Ich habe vergessen, wer den goldenen Zuckerhut gewonnen hat, ebenso wie den Sieger des goldenen Windbeutels. In Erinnerung geblieben sind mir zahlreiche neue Marken – wie Kokoswasser, Crew Ale, Emils, caramelized, culinary misfits, Apfelprojekt – ein starker Individualismus in Richtung Selbstständigkeit  und -organisation sowie die Aktivierung von starken Marken als Identitätsstifter.

2013 wird ein spannendes Jahr. Weil Stilstand in der Lebensmittelbranche den Tod bedeutet und die aktuelle Situation nach Veränderungen schreit. Aus der Freude an allen Entwikcklungen und persönlichen Erfahrungen in 2012 kommen ein paar sehr, sehr subjektive Gedanken für das neue Jahr.

1/ Ernährung gewinnt durch Technik

Zum Einstieg eine konstante Bekannte: der Fortschritt der technischen Möglichkeiten ist weiterhin der Motor der Entwicklung. Ich sehe noch großes Potential in Fragen der Transparenz & Wissen (Nachverfolgbarkeit der Produkte via Scan, Inhaltsstoffe als App abrufbar, Rezeptsammlungen, Austausch, etc.), der Kommunikation (auf einer Produzenten-Ebene: der Fleischer von nebenan, der die Schlachtergebnisse twittert), des Konsums (e-food wird das neue Zalando) sowie der Aktivierung der Konsumenten.

Der Lebensmittelbereich muss sich ständig neu erfinden und wird eine Vorreiterrolle übernehmen (müssen).

2/ Unternehmen sind zu gründen

Die klassische Familie, bei der die Eltern als Kreditgeber fungieren scheint, auszusterben. Ebenso wie das klassische Sparbuch. Dem Investment in Start Ups via Crowdfunding gehört die Zukunft. Ebenso der Zusammenschluss in Genossenschaften und Vereine abseits des Mainstreams. Einerseits, weil wir alle schon immer etwas erschaffen und im Kleinen mitbestimmen wollen, andererseits weil die Anzahl der Jungunternehmer im Food-Bereich stark zunehmen wird.

3/ Radikalisierung des Konsumverständnisses

Konsum ist nicht einfach. Essen und Trinken ist wichtig, aber was darf es kosten und was können wir uns leisten? Hier werden die Vorstellungen durch soziale Umstände und die Tatsache bestimmt, dass die Deutschen gerne günstig kaufen (siehe das Beispiel Wein).

Die Frage des Preises und Wertes von Produkten radikalisiert sich und die Gräben zwischen Masse und ,Klasse‘ werden 2013 tiefer. Darauf werden sich auch große Unternehmen einstellen, die sich bezüglich der jeweiligen Interessen im Billigsegment sowie im Bereich Nachhaltigkeit und Verantwortung oder Premium-Genuss aufstellen. Beispielsweise Heinecken mit Braufactum oder Radeberger mit Bionade.

Wie das spiel von (Multi)nationale Unternehmen, NGOs, der Politik sowie Verbraucherorganisationen im kommenden Jahr weitergeht bleibt offen – und wird sich wohl länger nicht entscheiden. Genauso wie der Wunsch der Konsumenten zu Veränderungen.  Hier wird weiterhin das Verständnis auf zu vielen Seiten fehlen. Wenn wir ernährungspolitische Protagonisten als Parteien sehen, dann sollte sich neben den vier etablierten Parteien – die Industrie / die Politik / NGOs / die Alternativen – eine fünfte Partei im kommenden Jahr etablieren. Der Konsument, der unabhängig von den bestehenden Systemen, seine Vorstellungen selbst in die Hand nimmt; Durch Unterstützung von Projekte für einen Wandel im Ernährungsverständnis, oder durch direktes Engagement.

4/ Unternehmen Red Bullisieren sich

2012 war es wichtig Konsumenten zu Fans zu machen, Innovationen als Businesstreiber voranzuschalten und eigene Inhalte aufgrund der Medienkrise und neuen technischen Möglichkeiten zu schaffen. Die Themenhoheit auf einem lifestyligen Level mit der Einbindung der Fans ist auch im kommenden Jahr zentrales Thema, spannend wird der Umgang mit kritische Themen und Personen. Wenn Coca Cola bereits zu kritischen TV-Berichten Gegendarstellungen twittert und Wiesenhof die Krisenkommunikation sehr progressiv anlegt, dann wird es 2013 nicht leise zugehen.

5/ Personen sind Kult

Marken bedeuten Stärke, aber die Personen werden immer wichtiger. Wer wird der erste Steve Jobs der Lebensmittelbranche? Peter Kowalsky – ehemals Bionade – gibt den Takt vor, Thilo Bode schlägt die große Trommel und überraschenderweise führt Uli Hoeneß für mich die Musik an.

6/ Wir engagieren uns alle

www.restaurantday.org schafft auch in Deutschland den Durchbruch. Vielleicht zuerst auf kleiner Flamme durch www.kitchensurfing.com.

7/ Geschmackstourismus wird Trend

Der Blogger Christoph Raffelt – www.overkorkt.de – hat in einem Podcastbeitrag zum Thema Wein (http://www.wrint.de/2012/12/17/wr134-flaschen-weinhnachtswein/) Satz fallen lassen, dass er selten einen gleichen Wein trinkt, da es so viel zu entdecken gibt. Für mich als Käufer von Kisten an Wein, da ich mich mit bekannter Qualität absichern möchte, ein radikaler Ansatz. Würde auch als Geschäftsidee funktionieren, da die Idee, sich nicht mit dem bekannten abzugeben, alle Bereiche betrifft.

8/ Bloggen ist ein Brotjob

Wir hatten hippe Modeblogs, dann kamen die Foodblogs ins Gespräch, aktuell sind Reiseblogs Mode und die Zukunft gehört wohl den Einrichtungs-, Bartträger- und Strickblogs. Trotzdem glaube ich, dass wir auf der re:publica noch nicht alles zu Foodblogs gehört haben. Besonders in diesem Segment wird es 2013 zu einer ungeahnten Professionalisierung und Emanzipierung kommen.  Vor allem auch dann, wenn Interessen gemeinsam vertreten werden.

Dazu kommen auch Blogs von Bauern und kleinen Produzenten, die sich über den Leichen zahlreicher Billig-Homepage-Provider mit Text, Bild und Engagement erheben werden.

9/ Mein Produkt des Jahres

2012 habe ich zahlreiche spannende deutsche und internationale Projekte und neue Produkte kennengelernt. Für mich steht Crew Ale als Beispiel für 2012 – ein Münchner Unternehmen von zwei Personen, die einem gesättigten Biermarkt einen neuen Geschmack beibringen wollen. 2012 war das Jahr der geschmacklichen Erweiterung bekannter Produkte. Für 2013 habe ich mir den Kopf zerbrochen. Ich glaube, dass bekannte Produkte wie Bier / Wein / Tee / Suppen / Kuchen noch zahlreiche Freiräume für neue Geschmäcker lassen, aber vor allem wieder mehr Exotik gefragt ist. Daher lautet mein Produkt für 2013 Kokoswasser. Als Sieger in Kombinat mit Vodka als Filler.

10/ Wunsch für 2013

Ein Kategorie im deutschen Web hat es nicht leicht: Cocktail- und Barblogs gibt es einige, die Qualität und Innovationskraft ist aber großteils seicht wie Dosenbier. Auch wenn 2012 die Frage gestellt wurde, worüber man noch schreiben kann, hoffe ich auf Geniestreiche und Meinugen …

Und damit wünsche ich ein sensationelles 2013!