Zeit Online geht Schlachten

Das Lesen des Artikels ‚Fleisch‘ auf Zeit Online vom 23. Juni 2012 hat mich nachhaltig irritiert. Es fühlt sich wie eine Oper in drei Akten an: Die Heldin liest sich ein, reist ins Reich des gewalttätigen Königs – einfältig aber gutherzig – und seines intellektuellen Beistands, um die Metasphäre des Schlachtens aka Tötens zu erfahren, und landet bei ihm im Wohnzimmer, wo der Vorhang im Dörfchen fällt. Nach zahlreichen Arien und Kuriositäten auf Gefühle, fehlende Gefühle, Tod und das Leben im Umfeld einer Großschlachterei kommt die Erkenntnis, dass Verlust anscheinend unfassbar ist.

Die Verfasserin des Beitrags, Jana Simon, geht der Frage des Schlachtens nach – wobei es im Beitrag eine Gleichstellung des Tötens ist – und trifft auf Holm Rausch, Mitarbeiter in einem ‚industriellen‘ Schlachtbetrieb. Hier stellen sich die ersten Fragen: Wieso den Umweg über die Industrie gehen? Weil Jana Simon das Werk von Foer gelesen hat? Weil man immer einen Negativen Part benötigt? Weil kein Bauer oder Metzger/Fleischermeister ums Eck greifbar war?

Nun ist das Schlachten an sich nicht gleichzusetzen mit industrieller Verarbeitung und verzehrt das Bild indem es dieses größer macht: ‚Der Schlachthof ist schon von Weitem zu sehen, leuchtend weiß erhebt er sich über die Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, er ist der zweitgrößte Deutschlands, 15.000 Schweine werden hier getötet. Am Tag.

Und wo Holm Rausch die Messer wetzt, fallen keine Antworten auf die großen Fragen mehr. ,Dann läuft ihm der Schweiß in die Stiefel ‘. Wahrscheinlich weil ‚Holm Rausch nicht bemerkt hat, wie sich der Tod in sein Leben schlich, er denkt nicht über so was nach‘. Dafür ist aber der PR-Berater aus München angereist. Um über Kulturkampf und den Fleischgenuss der Chinesen zu sprechen, die Wünsche der Konsumenten zu wissen und ihre Ängste.

Dazu gesellt sich die Frage, wie man in einem professionellen Umfeld – Großbetrieb mit PR-Agentur – Emotionen und Alpträume finden möchte. Ich gehe auch nicht im Winter auf die Wiese Blumen pflücken.

Es ist eine spannende Oper in drei Akten: Drama, Trauer, Verlust und ein wenig Hoffnung sowie Banalität. Am Ende bleibt mir die Intention des Artikels ein Rätsel. Wenn ich die Erfahrung des Schlachtens machen möchte, dann mache ich dies. Dazu gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Schlachten ist ein kontroverses Thema, an dem sich die Geister mannigfach scheiden und erhitzen. Mit dem Anspruch das Schlachten als Töten mit einem Menschen zu diskutieren, dessen Beruf dies ist, und daran zu scheitern, scheint mir zu einfach. Vor allem, in einem Umfeld, in dem ein PR-Berater die sehr prominente Möglichkeit bekommt, PR zu machen.

Denn im Endeffekt handelt es sich um zwei Themen, die in Kombination kaum funktionieren. Das Schlachten als individueller Akt der Beschaffung von Nahrungsmitteln und das Schlachten als gemeinschaftlicher, industrieller Prozess zur Massen-Befriedigung. Und gemeinschaftlich bezieht den Kunden mit ein.

Was mir richtig erscheint ist das Interesse am Schlachten und die Beschäftigung damit. Hier ein Einblick in den Verarbeitungsprozeß.

Der kommentierte Artikel erschien auf Zeit Online am 23. Juni 2012 und alle Rechte daran liegen beim Urheber. Ebenso wie die hier verwendeten Textpassagen.

Anmerkung in eigener Sache: Der Autor dieser Zeilen arbeitet nicht für einen der im Artikel genannten Unternehmen, einem Konkurrenz-Unternehmen oder einem vegetarischen Unternehmen. Dies ist eine rein persönliche Meinung und Kurzsicht. Und ein potentielles Gesprächsthema für ein Foodbarcamp.